Shitstorm und Sozialpornos - Gelenkte Medien-Anarchie


„Die Öffentlichkeit hat eine unersättliche Neugier, alles zu wissen – nur nicht das Wissenswerte.“
Oscar Wilde

Downloaden Sie das  Programm (Konzept) 2012 im PDF Format


Auf dem 17. MainzerMedienDisput wird darüber gestritten, ob sich die Meinungsmacher im Schatten besinnungsloser Shitstorms und perfider Sozialpornos dem Sog der Unterhaltung in allen Spielarten und Mischformen überhaupt noch entziehen können. Der MainzerMedienDisput wird inzwischen zum 17. Mal von einer unabhängigen Projektgruppe verantwortend durchgeführt, die ehrenamtlich arbeitet. Veranstalter des MainzerMedienDisputs sind die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, die LMK – Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz und die FES – Friedrich-Ebert-Stiftung in Medienpartnerschaft mit dem ZDF und dem SWR. Für ihre Programmplanung hat die Projektgruppe nachfolgende Leitideen für den Medien-Kongress in Mainz formuliert:

Wir haben uns schon daran gewöhnt von einer dominierenden „Mediendemokratie“ zu sprechen, ohne genau auszubuchstabieren, was das eigentlich heißt. Wer setzt die Themen, über die jeder spricht? Wer baut Politiker und Manager zu Ikonen auf oder lässt sie im grellen Licht der Medien verglühen? Welche wichtigen Themen fallen durch das Komplexitäts- Raster oder werden weggefiltert, weil sie sich nicht vereinfachen und personalisieren lassen? „Erst vereinfachen und dann übertreiben“ – heißt es sinngemäß in einer Dienstanweisung des britischen Magazins „The Economist“. Die in (geheimen) Strategiepapieren formulierte Maxime, echte Nachrichten mit seichter Unterhaltung zu verquirlen, gilt längst nicht nur für die „news“ von RTL 2 und RTL Aktuell.

Wolf von Lojewski, öffentlich-rechtliches Urgestein, durfte anlässlich seines 75. Geburtstages noch davor warnen, dass Journalisten im Internet verbreitete Meinungen unhinterfragt übernehmen. „Die Schwärme im Internet können bei jedem Konflikt in Bruchteilen von Sekunden ihr Urteil fällen: Wer sind die Guten und wer die Bösen“ Journalisten gerieten leicht in die Gefahr, „nicht mehr nachzurecherchieren, sondern nur noch hinterherzulaufen.“ Ersetzt die Twitter-Intrige die genaue Prüfung der Fakten und Vorgänge, wuchert social Media zu einem Sammelbecken assozialer Ressentiments, wo der Daumen – selbstverständlich anonym – gesenkt wird, noch bevor man sich mit der Sache vertraut gemacht hat? In Zeiten „digitaler Demenz“ fragen wir, welche Informationen und Orientierungen den maximal 15 Prozent politisch Interessierten künftig noch jenseits der geschickt inszenierten Empörungswellen geboten werden können?

Nicht nur für die Finanzmärkte – nein. Nicht nur für sie gilt Schumpeters’ Prinzip der schöpferischen Zerstörung. Auch die Medienproduzenten stehen unter enormen Marktdruck der Quoten, Auflagen und der Werbeindustrie. Was kommt aus den Formatschmieden zumindest in die (Digital)-Kanäle? Wie kommt das Neue in die Welt? In einem eigenen „Innovations-lab“ fragen wir, ob man das Glaubensbekenntnis der Programm-Macher „interessant v o r relevant“ noch dementieren kann? Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Die Gültigkeit dieser Lebensweisheit haben jüngst die Kontrollgremien des Rundfunks unter Beweis gestellt. (Fundamentale) Skepsis gegenüber astronomisch hohen Box- und Sportrechten, Zweifel an der Endlos-Schleife gedankenleerer Talkshows oder Warnungen vor der Ausdünnung von Kulturprogrammen: echte, kenntnisreiche Programm-Kontrolle im Auftrag der Gesellschaft scheint das geschmeidige Co-Management der „Gremlins“ (Günter Jauch) abgelöst zu haben. Ob dieser gedämpfte Optimismus nur Zweckoptimismus ist, werden wir während des 17. MainzerMedienDisputs – sozusagen als Tagesbilanz – mit dem Publikum und hochkarätigen Medienpolitikern besprechen.

Kein Zweifel: Medienpolitik im Schattenreich der Hinterzimmer ist Machtpolitik. Aber Macht – von wem auch immer genutzt – fordert nach den gültigen Prinzipien der parlamentarischen Demokratie – Kontrolle, Gegenentwürfe und Alternativen. Das Thatcher-Tina-Dogma „There is no alternative“ ist zwar noch das Glaubensbekenntnis vieler Programm-Manager; aus der Sicht eines zunehmend kritischeren Publikums und vieler „Radioretter“ aber längst ein Muster ohne Wert.

Der Boulevard wird in allen Medien breiter, glitschiger und gefährlicher. Das hatte zur Jahreswende 2011/12 nicht nur der junge (Ex)-Bundespräsident Wulff zu spüren bekommen. Sein voreiliges Postulat: „Der Islam gehört zu Deutschland“ wurde ihm zum Verhängnis. Wie der Boulevard als durchgängiges journalistisches Prinzip heute funktioniert, ob (nur) BILD Monster oder populistischer Segen ist – und was aus der „Wulff-Affaire“ zu lernen ist? Das spielt der MMD in einer bunten Revue (mit anschließender Diskussion) zum Auftakt des 17. MainzerMedienDisputs am 15. Oktober durch. Wir versprechen einen „Aufreger“ mit „Gesprächswert“. Erkenntnis-Spaß mit Ecken und Kanten, der Sie hoffentlich zum Widerspruch und zur Eigenaktivität reizt. Wir „liefern“ die Reizwerte und erwarten dafür nichts: nur ihre Aufmerksamkeit.